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Wissenschaft: Die absichtliche Gewinnung, Überprüfung, Verknüpfung und Speicherung von Informationen über beliebige Gegenstände, welche folgende Regeln beachtet: 

  1. den Primat der Induktion vor der Deduktion (man läßt sich etwas auffallen statt einfallen; in diesem Sinne ist der Satz zu verstehen, am Anfang der ~ stehe das Staunen);
  2. der logischen Stringenz der hieraus abgeleiteten Argumentation (was notwendigerweise eine ganze Reihe sprachlicher Vorsichtsmaßnahmen einschließt, welche aber nicht ~sspezifisch sind, sondern für jede logisch fehlerfreie Argumentation gelten, v.a. die Vermeidung aller Ehestreitstrukturen);
  3. der Bevorzugung der einfacheren Erklärung vor der komplizierteren, solange beide wenigstens gleich wahrscheinlich sind; erst wenn die kompliziertere Erklärung wahrscheinlicher als die einfache ist, darf die Bevorzugung letzterer aufgegeben werden (»Hypothesenminimalismus«, »Occam's razor« [welcher überflüssige Annahmen bzw. Debatten wegschneidet]).

Abgekürzt läßt sich die ~ also auch als »System von Beobachtung und logischem Schluß« definieren, wobei die Beobachtung am Anfang zu stehen hat. (Infolgedessen können Gedankensysteme, welche von willkürlichen Setzungen statt unvorhergesehenen Beobachtungen ausgehen, wie etwa Schach, Jura oder Theologie, keine ~en sein. Ihnen fehlt der Empirieprimat). Mehrere Aspekte fallen dabei auf und sollten bewußtgemacht werden:
     1. die ~ ist nicht vom Gegenstand abhängig (außer daß sie irgendeinen haben muß), sondern nur von der Methode. Diese läßt sich grundsätzlich auf jeden Gegenstand anwenden, sei er natürlich oder gesellschaftlich.
     2. nicht die Qualität ihrer Aussagen ist für die ~ spezifisch, sondern die Art ihrer Gewinnung, welche deren stete prinzipielle Überprüfbarkeit zur Folge hat. Sofern der erstmals beobachtete und beschriebene Gegenstand nicht verlorengegangen ist (wodurch die über ihn gemachten Aussagen nur noch m.o.w. wahrscheinlich, aber nicht mehr sicherbar werden), läßt sich mit den angegebenen, eventuell auch zusätzlichen Mitteln dessen Untersuchung beliebig oft wiederholen. Dasselbe gilt für aktive Untersuchungen unter kontrollierten Bedingungen, falls diese möglich sind, die sog. Experimente. Wo sie nicht möglich sind (z.B. in der Astronomie), lassen diese sich bis zu einem je nach Komplexität des Gegenstandes unterschiedlichen Maße durch Prognosen und, seltener, aber bei erst schlecht erforschten historischen Gegenständen öfters möglich, Anagnosen ersetzen.
     Es ist unvermeidlich, daß diese Methode unendlich öfter als jede andere die Wahrheit über jeden Gegenstand herausfinden wird – auch dann, wenn starke gesellschaftliche Kräfte das nicht wünschen, oft sogar über jene Gegenstände mit suggestiven und gewaltsamen Mitteln Lügen verbreiten. Deswegen gerät sie unweigerlich mit diesen Kräften in Konflikt, der sie bisweilen vernichtet, noch häufiger aber – im Sinne eines je nach Gegenstand der ~ oft unterschiedlichen Kompromisses – deformiert. Der Ausgang dieses Prozesses hängt dabei nicht nur von der gesellschaftlichen Stärke und Entschlossenheit der gegen die ~ aggressiven Kräfte ab, sondern auch derjenigen, welche an ihrer Verteidigung und Förderung interessiert sind.
     Andererseits eröffnet die Kenntnis der Wahrheit über bestimmte Gegenstände, insbesondere die Natur, ungeahnte praktische Anwendungsmöglichkeiten. Diese – die sog. Verbindung von ~ und Technik – ermöglichte vor etwa 500 Jahren dem bis dahin zumindest Indien, China und Japan keineswegs deutlich überlegenen Westeuropa die militärische und ökonomische Beherrschung nahezu der ganzen Welt, die es erst in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts wieder verloren hat. Möglich wurde diese Entwicklung durch den internen Machtzuwachs gesellschaftlicher Kräfte, die von der ~ stärker als alle anderen profitierten und daher motiviert, aber auch stark genug waren, sie zu schützen. Dies erklärt die besonders kompromißlose ~lichkeit – i.S. der oben vorgestellten Prinzipien – desjenigen Teils der ~, welcher sich mit der Natur befaßt, während diese in den Gesellschafts~en, von deren in dem genannten Sinne konsequenter Entwicklung Bürgertum und absolutistische Fürsten weit weniger Nutzen, ja eher Schaden für sich erwarten konnten, recht häufig umgangen, aufgeweicht oder gänzlich mißachtet werden. Diese historisch-gesellschaftliche Ursache des unbestritten beobachtbaren Phänomens ist erheblich wahrscheinlicher als dessen immer wieder, wohl zur Verschleierung der naheliegenden Ursache, behauptete Ableitung von unterschiedlichen Eigenarten der jeweiligen Gegenstände Natur und Gesellschaft, wobei die letztere der ~lichen Methode viel größere, ja prinzipielle Schwierigkeiten entgegensetze als die erstere. Jedoch gerät die geforderte Konkretisierung dieser Schwierigkeiten so rasch auf Abwege, nehmen ihre Vertreter so häufig und bald Zuflucht zu Ehestreitstrukturen, daß sie als ideologieverdächtig gelten müssen und die hier gegebene Behauptung von der Gegenstandsunabhängigkeit der ~, der universellen Identität ihrer Methode also, zu bevorzugen ist.
     Entwickelt sich durch den gegebenen Schutz bzw. die gegebene Förderung die ~ oder ein Teil von ihr konsequent nach ihren gegebenen Prinzipien, wozu sie zwecks Vermeidung falscher und daher zielsetzungswidriger Ergebnisse gezwungen ist, dann sammelt sich rasch in ihr ein stets wachsender Kern gesicherter bzw. wahrer Aussagen an, von welchen aus weitere gewonnen, irrtümliche ausgeschieden werden (die irrtümlichen gespeicherten, also falschen Aussagen in der Gesamtheit der ~lichen Aussagen werden dadurch asymptotisch abnehmen, im Aussagenkern – wegen der Begrenztheit von dessen Aussagenzahl – sogar völlig verschwinden). Auffälligstes Kennzeichen der echten ~ ist also ihre Kumulativität, welche sie auf den ersten Blick von jeder Philosophie und jeder Scheinwissenschaft (die also vortäuscht, eine ~ zu sein, aber deren Methode m.o.w. heimlich umgeht) unterscheidet. In der Philosophie beobachten wir viel mehr einen Wechsel von Moden statt einer Akkumulation gesicherter Erkenntnisse; wenn die Marx'sche Theorie der Philosophie zutrifft, ist dies auch weder anders zu erwarten, noch kann es überhaupt anders sein. Auch den schein~lichen Charakter vieler sog. Geistes~en – nicht jedoch die Unmöglichkeit einer ~lichen Beschäftigung mit ihren Gegenständen! – erkennt man an deren fehlender Kumulativität.
     Die ~ ist also durch ihre Methode bestimmt – und nicht durch den Beamtenstatus ihres Trägers. Nur ein Teil alles dessen, was systematisch gelernt werden kann, ist daher ~, nämlich das, was ausschließlich ihren Prinzipien folgt. Nun setzt dies nach schon recht kurzer Akkumulationszeit einen erheblichen Zeit- und Kraftaufwand für das Individuum voraus, das sich mit irgendeinem Teil der ~ beschäftigt, oft auch noch einen hohen, bisweilen extremen Materialaufwand, welchen es persönlich nur in den seltensten Fällen erbringen kann, so daß recht bald immer größere Teile der ~ nur von für diesen Zweck von anderer Arbeit befreiten Individuen geleistet und ihnen die benötigten Materialien vom Staat zur Verfügung gestellt werden. Solange die diesen beherrschende gesellschaftliche Kraft das Ziel verfolgt, die Wahrheit über bestimmte Gegenstände herauszufinden, eben jene der ~, schadet das deren Charakter und Ergebnissen nicht; sobald diese Zielsetzung in ihr erlischt oder auch nur von konkurrierenden Zielsetzungen bedrängt wird, wie sie sich leicht auf der Grundlage der allgemeinen Zielsetzung des Herrschaftserhalts ergeben, ist die ~ daher bedroht. Militärische und ökonomische Konkurrenz boten ihr die bisher besten Entstehungs- und Entfaltungsbedingungen, wenngleich unterschiedlich gute, je nach Gegenstandsbereich; mit dem Absterben derselben wird auch ein Absterben der ~ zugunsten eines globalen militärisch-ökonomischen Monopols wahrscheinlich (ebenso wahrscheinlich bleibt dabei aufgrund ihres historisch erworbenen Ansehens der Fortbestand ihres Vokabulars bei immer stärkerer, doch heimlicher Sinnveränderung).
     Die ~ ist also genau wie die ihr entgegengesetzten Phänomene der Ideologie, bes. der Religion, eine gesellschaftliche Erscheinung, nicht einfach eine Folge »menschlicher Neugier« oder ähnlicher Naturkonstanten (so wenig sie ohne diese allerdings mutmaßlich ent- oder bestehen könnte). Darum ist ihr Bestand, sobald sie einmal entstanden ist, keineswegs gesichert. Tatsächlich ist sie auch nur an einer Stelle der Erde entstanden, nämlich in Europa; nach vielversprechenden Anfängen in der griechischen Antike ging sie nach langsamem Verfall mit der Christianisierung, spätestens der Völkerwanderung völlig zugrunde. Jedoch knüpfte in der Renaissance die neu entstehende, diesmal solider fundierte und methodologisch stringentere ~ an deren schriftlich überlebende Überlieferung an.
     Sowohl Chinesen wie Indern und Arabern gelang die Erreichung zahlreicher, oft auch praktischer Kenntnisse, nie jedoch die Entwicklung einer echten ~ i.S. der oben gegebenen Kriterien. (Davon sind einige Naturforscher im arabischen Raum, insbesondere ar-Razi und die Untergrundakademie »Ikhwan al-Safa«, auszunehmen, welchen unter mutazilitischen Kalifen der Durchbruch zu echter ~ gelang. Hierzu trug, genau wie bei ihren erfolgreicheren westeuropäischen Nachfolgern, sowohl die Tatsache bei, daß ihnen klassisch-griechische Quellen mit deren schon ziemlich präzisem ~skonzept zugänglich waren, wie auch die scharfe Feindseligkeit der sie umgebenden Religionsvertreter, welche ein zur Religion bzw. gesellschaftlichen Drohung antithetisches ~skonzept erzwang oder zumindest förderte. Durch den Sieg der islamischen Reaktion unter Mutawakhil [847-861] wurde ihr Ansatz jedoch vernichtet, ihr Werk im eigenen kulturellen Umfeld weitestgehend folgenlos.) Dies hatte die Kriegsniederlage der Staaten genannter Kulturkreise gegen die europäischen Kolonialarmeen zur Folge. Japan, dessen Bewohner ebenfalls nie selber eine ~ entwickelt hatten, entging diesem Schicksal hauptsächlich durch rechtzeitige Übernahme ~licher Ergebnisse, bald auch Prinzipien seiner europäischen, später (1867) auch US-amerikanischen Angreifer. – Die Bedeutung des Wortes ~ (scientia) blieb jahrhundertelang vage und umfaßte, recht analog zu ars und disciplina (letzteres in Sonderbedeutung, cf. disciplina Tusca, die Haruspizin), alles, was nur durch systematisches Lernen geistig zu erwerben war, falls dabei der Akzent auf der Kenntnis wiederholbarer Zusammenhänge lag (Ggs. Bildung; hier steht Historisches und damit Unwiederholbares im Vordergrund). Die präzise Bedeutung des Wortes, wie sie hier gegeben wird, besteht erst seit ca. 200 Jahren und sollte wegen ihrer Klarheit und Brauchbarkeit nicht aufgeweicht werden.  


 
 
 

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